Peaches in Hamburg: Die Macht der Trash-Symbolik


Peaches Hamburg 2016

Peaches wird nicht müde. Die Wahlberlinerin ist wieder auf Tour und präsentierte uns am Freitag Abend im Hamburger Musikclub Uebel & Gefährlich ihr aktuelles Album „Rub“. Die aus Toronto stammende Musikproduzentin, Sängerin und Performerin haut uns seit ihrem 2000 erschienenen Debütalbum „The Teaches of Peaches“ ihre vor Symbolik triefenden Songs um die Ohren, als wollte sie uns immer wieder wachrütteln. Auch bei ihrer Show im Uebel & Gefährlich wird uns ein gewohntes Feuerwerk an obszönen Kostümen und sexuell aufgeladen Darbietungen präsentiert. Eine durch und durch routinierte Performerin. Erwähnenswert, denn die Grand Dame des Electroclash hat einen Tag vorher in Berlin ihren 50. Geburtstag gefeiert und wirkt ganz und gar nicht erschöpft.

Beim Betreten des großen Saals werden wir erschlagen von einer Hitzewand und Masse an Menschen: Das Konzert ist restlos ausverkauft. Ohne Zweifel: Merill Beth Nisker aka Peaches ist eine Erscheinung und wird verehrt.

Es herrscht eine aufgeladene Stimmung. Der aus New Jersey stammende Rapper Rashard Bradshaw, besser bekannt als Cakes da Killa hat als Support-Act leichtes Spiel. Die Hütte bebt. Aufgewärmt werden muss wahrlich niemand mehr. Rashards bunt gepunktetes schwarzes Kleid stimmt uns ein auf das, was noch kommen mag.

Bildergalerie: CAKES DA KILLA live

Bestens unterhalten will unser grinsender Blick nicht enden. Von Null auf Hundert startet das Konzert und wir sind im Peaches Kosmos angekommen – ein exzessiver Rausch. Über Jahre konnte Nisker einen ganz eigenen und eigenwilligen Style etablierten. Ihr markanter Sprechgesang und die kraftvollen basslastigen Tracks reißen mit. Es ist so laut, dass der Boden vom Bass rhythmisch vibriert und durch den Körper fährt.

„Do you think I’m nasty?“

Immer wieder spricht sie zum Publikum. Heizt es an. Halb nackt fragt sie „Do you think I’m nasty?“ und die Menge antwortet lautstark und johlend. Nisker und ihre zwei lasziven Tänzer (Mann und Frau) geben alles. Von angedeutetem Oral-Sex über SM-Outfits und die Verwandlung in riesige Geschlechtsteile – der Phantasie ist keine Grenze gesetzt.

Bildergalerie: PEACHES live

Anstatt den Zeigefinger zu heben, zeigt sie absurden Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Missständen den Mittelfinger. Sie überhöht die Idealisierung und Ästhetik des weiblichen Körpers. Nisker persifliert, feiert das Publikum und sich selbst. Zu schockieren ist in unserer heutigen Welt der täglichen Sensationen allerdings schwer geworden. Man bemerkt, dass das überbordenden Abfeiern von Intimbehaarung und überdimensionalen Pappmaché Vaginas uns eher schmunzeln lassen.

Peaches Show lässt einem keinen Raum zum Abschweifen. Sie lässt sich vom Publikum auf Händen tragen, spritzt mit Champagner um sich und bindet es immer wieder mit ein. Nach 60 Minuten Dauerbeschallung endet die perfekt inszenierter Massenorgie mit zwei charmanten Zugaben, bei denen sich die Tänzer unter anderem die Haare föhnen – und nicht nur die auf dem Kopf. Ihr Abgang hat fast schon eine komödiantische Komponente: Einen riesigen farbenfrohen Rollkoffer hinter sich her ziehend winkt sie uns fröhlich zu und sagt „bye bye“.

Bei Peaches ging es immer schon weniger ausschließlich um die Musik, als um die fast schon missionarisch anmutende Message.

Es ist ein Wunder, dass sie nach so vielen Jahren trotzdem authentisch bleibt und sich dem oftmals glattgebügelten Showgeschäft anmutig widersetzt. Ihre treuen Fans danken es ihr. Als Support für Rammstein und nach diversen Chartplatzierungen weltweit, spricht ihr Erfolg für sich.

Auch nach sieben Alben sucht man vergeblich nach künstlich aufgeblähten Tracks. Es zählt die Message. Vom ersten Track bis zum aktuellen Song „How You Like My Cut“ überzeugt sie als stimmiges Konzept. Peaches nicht als Gesamtkunstwerk anzuerkennen, verkennt das Gewicht ihrer jahrzehntelange feministischen und künstlerischen Arbeit: Uns immer wieder wach zu rütteln.  

Das aktuelle Album Peaches erhaltet ihr bei Amazon: Audio-CD „Rub

Peaches Live 2016

Mo., 28.11.2016 = München (Backstage)
Fr., 02.12.2016 = Köln (Essigfabrik)

Tickets für Peaches gibt es hier: Eventim

Weitere Informationen unter:
peachesrocks.com oder auf Facebook

Danke an:
Axel Schilling (Fotos) und Julia Soldatke (Text).