Keine Panik! Udo Lindenberg in der TUI Arena Hannover


Udo Lindenberg / Tui Arena Hannover 2016

Wenn der Rock Liner im musikalischen Hafen Hannovers anlegt und seine 300 Mann starke Besatzung an Land geht, feiern 10.000 Rock’n’Roll begeisterte Panik-Experten gemeinsam mit Kapitän Udo Lindenberg ein Bühnenerlebnis der Extraklasse. Am gestrigen Dienstag war es endlich wieder soweit: Mit dem neuen Album „Stärker als die Zeit“ im Gepäck strandete der Rock’n’Roll- und Panikaltmeister für die erste von zwei Shows in der TUI Arena Hannover. Mit an Bord hatte er Musikergäste und Freunde wie Johannes Oerding, Stefanie Heinzman, Carl Carlton, Daniel Wirtz oder Sebastian Krumbiegel von den Prinzen. Auch Josephine Busch ist an Bord des Rock Liners. Die deutsche Sängerin spielte die weibliche Hauptrolle Jessy in Udos Musical „Hinterm Horizont“.

Gegen zehn nach acht wird es dunkel in der TUI Arena. Auf den riesigen, die Bühne einrahmenden Videoleinwänden erscheint eine stürmische See. Der Bug des Rock Liners schaukelt immer tiefer in die tosenden Wellenwände, während das Panikorchester die ersten Akkorde in die Saiten haut. Udo macht sich unterdessen in einem Stahlgerüst schwebend und bewaffnet mit der obligatorischen Zigarre auf die „Odyssee“ Richtung Bühne und Panik Space Commander. „Einer muss den Job ja machen“ ist der erste Song der neuen Platte am heutigen Abend und passt wie die Faust auf’s Auge. Es ist nämlich noch gar nicht allzu lange her, dass Udo Lindenberg seinen 70. Geburtstag feierte. In mehr als zweieinhalb Stunden wird uns der Wahl-Hamburger beweisen, dass in der These „Man ist immer so alt, wie man sich fühlt“, mehr als ein Funke Wahrheit steckt. Agiler als manch Mittdreißiger fegt Lindenberg ausdauernd über die Bühne. Anders als der Tornado über Hamburg geht dem Likörellemaler allerdings nicht die Luft aus. Udo liefert ab.

Bildergalerie: So waren UDO LINDENBERG live

Doch auch der Altmeister wird, wenn es um das Alter geht, ein bisschen melancholischer. Ganz reflektiert erklärt er, dass es auch schon hätte vorbei sein können mit ihm, dass sein Leben nicht immer mit einer handvoll Wasser unterm Kiel versehen war und das viel zu viele großartige Musiker in letzter Zeit zu früh gehen mussten. Spätestens hier macht sich Gänsehaut über dem ganzen Körper breit. Doch Udo möchte noch so 30 Jahre weitermachen, sagt er sicher und kann sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Es scheint als erlebe man eine maßlos übertriebene Bühnenshow voller unschlagbarer Authentizität. Udo ist viel mehr als eine Marke, als eine schier nostalgische Kultfigur einer wilden Zeit: Udo ist ein bisschen Gewissen, ein bisschen Zeigefinger, ein großer Teil tiefgründiges Bewusstsein. Er ist die gute Seite der bunten Republik. Er ist der Geschichtenerzähler einer dringend zu bewahrenden Wahrheit und dabei einer oder vielleicht sogar der einzige wirkliche Punk dieses Landes, der – egal wie hoch oben oder tief am Boden er lag – sich und seine Sache nie verändern ließ.

Dazu passt auch die beeindruckende Darbietung des Titels „Wozu sind Kriege da?“. „Manchmal frage ich mich, wie oft ich diesen Song noch singen muss. Elende Kriege, Völkerverasche, kann man alle ins Weltall schießen.“ Über der Bühne erscheinen die Textzeilen mahnmalgleich. Gemeinsam mit den Panik Kids scheint es, als würde jedes nur mögliche dramaturgische Mittel überdimensioniert genutzt werden: Ist aber nicht so. Es ist als würde der Rocker einem den ungeschönten sozialkritischen Spiegel vor die Augen halten. Wegschauen zwecklos. Wahrnehmen und nachdenken ist angesagt. Er bleibt am Thema: Auch im folgenden Titel „Strassenfieber“ bezieht Udo Stellung. „Wir brauchen keine alten Parolen, keine Mauern oder anderen Scheiß. Wir spielen Musik für ein weltoffenes Europa!“ Gemeinsam mit Sebastian Krumbiegel und der Rock Gegen Rechts Flagge im Herzen, ist es nicht nur irgendein Lied, es ist eine Herzenssache. Das scheint sicher, denn auch AfD-Dauertröte Gauland nimmt sich Udo zur Brust: „Die Maske der AfD“, habe Gauland so weit runtergezogen, „dass die hässliche Fratze des Rassismus voll zu erkennen war“. Dafür hagelt es, zu recht, Applaus.

Gemeinsam mit Johannes Oerding performt Lindenberg „Cello“ und lädt das Publikum zum träumen ein. Das Bühnenbild passt immer genau zur Stimmung des jeweiligen Songs. Es wirkt liebevoll durchgeplant, auf die besonderen Kleinigkeiten wurde Wert gelegt. Tänzer, Akrobaten, Musiker, Freunde, langjährige Wegbegleiter und der ganze große tiefsympathische Haufen Panikfamilie macht das Ganze zu einer richtig runden Sache. Selbstkritisch und gleichermaßen –ironisch leitet Udo den Song „Mein Body und ich“ ein: „Früher bin ich in die Kneipe nach dem Motto: was muss hier noch weg?“. Am heutigen Abend müssen vor allem erstmal die nervigen Schuhe weg. Kaum hat er sich von dem überflüssigen Leder erleichtert, stapft der Musiker in grasgrünen Socken über Bühne und Steg. Auch den Kontakt zu seinem Publikum lässt er nie abreißen: Ob ein Küsschen oder Handschlag – Udo ist mittendrin.

Ich schwöre, wir sehen uns ganz bald wieder. Euch zu begegnen ist das Geilste, was es gibt! Ihr seid mein persönliches Eldorado!“, herzt der Sympath die Hannoveraner. Nach unschlagbaren 33 Songs und fast drei Stunden Bühnenspektakel verabschiedet sich Lindenberg mit einem lauten Knall. Zum Titel „Woddy Woddy Wodka“ steigt er in seinen Astronautenanzug und tauscht den festen Boden unter den Füßen gegen die galaktisch imposante Höhenluft der TUI Arena. Die Panik-Rakete startet mit einem mehr als realistischen Feuerspiel in die Galaxie. „Keine Panik“ prangte nach einem spektakulären Finale über der Bühne und so lange es noch Menschen und Denker wie Udo auf dieser Welt gibt, ist es ein bisschen leichter, keine Panik zu haben.

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„Stärker als die Zeit“ Audio-CD, „Stärker als die Zeit“-Vinyl-LP oder
„Stärker als die Zeit“ MP3-Download

Udo Lindenberg live 2016

Sa 18.06.2016 Nürnberg (Grundig Stadion)
Di 21.06.2016 Frankfurt (Festhalle)
Mi 22.06.2016 Frankfurt (Festhalle)
Sa 25.06.2016 Leipzig (Red Bull Arena)
So 26.06.2016 Leipzig (Red Bull Arena)
Sa 30.07.2016 Calw (Kloster)

Tickets für Udo Lindenberg bekommt ihr hier: Eventim

Weitere Informationen unter: www.udo-lindenberg.de
oder auf Facebook und Twitter

Danke an:
Maria Graul (Maria Graul Photography) für Bilder und Text