At The Drive-In in Berlin – Round Two, Schweiß im Februar


At the drive In Tour 2018 / At the drive In Berlin 2018
(Bild: stagr / Christoph Eisenmenger)

Neues Jahr, nischt Neues draußen aber Bock auf Touren. Im November letzten Jahres supporten At The Drive-In kurioserweise das Duo Royal Blood auf der Brexit-Insel, jetzt ballern sie um die Kugel mit interessanter Begleitung. Wie immer dabei sind Le Buttcherettes aus Guadalajara und, weil es mit Royal Blood so schön war, haben sich die fünf US-Amerikaner wieder ein Duo ausgesucht, Death from Above 1979 aus Toronto.

LE BUTTCHERETTES

Die Bühne ist komplett mit dem Bühnenequipment der zwei Bands At The Drive-In und Death From Above 1979 vollgestellt, daher eröffnen Le Butcherettes den Abend an der Bühnenkante. Die Frontfrau Teri kommt mit ihren lückenlosen, in der Farbe Rot getauchtem Outfit auf die Bühne und stimmt den Song „Burn The Scab“ mit indianerähnlichen Rufen ein. Aber die fraulich angezogene, junge, hübsche Mexikanerin, legt es nicht darauf an, als stereotype Frau wahrgenommen zu werden. Breitbeinig, stampfend und mit luftgefüllten Wangen steht sie selbstbewusst vor dem Berliner Publikum. Sie benimmt sich so, als würde ein großes „Fuck You“ auf ihrer Stirn stehen.

Es vergeht keine Sekunde der Langeweile, denn für Nachschub ist reichlich gesorgt. Der dritte Song ist zusammen mit den legendären Melvins entstanden. „The Devil Lived“. Die Drums ballern mit einer derartigen Gewalt aus den Lautsprechern, dass man nur sprachlos vor der Bühne auf die Schlagzeugerin starrt. Im Hintergrund dümpelt ein grandioser Basssound umher, der so dumpf verzerrt und gleichzeitig zurecht an dem Fundament rüttelt. Seit dem Projekt Antemasque von Omar Rodriguez und Cedric Bixler-Zavala, ist die Frontfrau Teri Gender Bender von Le Buttcherettes mit als Support dabei. Auch im Jahr zu vor, als At The Drive-In wieder das Licht der Welt erblickte.

DEATH FROM ABOVE

Death From Above ist keine dieser neuen Modeerscheinungen, denn dieses Duo gibt es schon ein paar Tage länger. Wer mit dem ersten Blick an dem Bandnamen hängen bleibt – Eagles Of Death Metal machen auch keinen Deathmetal. Wie der Bandname schon impliziert, unterschiedlicher könnten die beiden Musiker nicht sein. Wie Yin und Yang präsentieren sich die beiden Jungs auf der Bühne. Das Konzept der Antithetik springt dem Zuschauer fast in das Gesicht. Der im hellen Licht sitzende, kurzhaarige, weiß gekleidete Sänger und Trommler streichelt sein Drumset zärtlich, der andere ist so nah am Wasser gebaut, wie eine Kettensäge zur Massage für Schafe geeignet ist. Verstärkt mit vier Orange-Boxen kreischt der verzerrte Bass durch die Anlage, wie ein totes Monster auf der Flucht. Der neue Trend, Bässe wie Gitarren klingen zu lassen funktioniert hier wie Arsch auf Eimer.

Im Gegenzug zu dem geradlinigen, halben Schlächter, singt der Blech und Pauken-Fan schellend wie eine alte Punk-Jungfer. Aber erst sein Gesang macht den Mix aus, irgendwas zwischen Dance-Funk-Punk und dicken Eiern zu dem, was sie präsentieren, Death From Above 1979. Den Ton den die Beiden von Death From Above aus ihren Instrumenten zaubern, ist unglaublich überzeugend und mehr als grundsolide. Auch wenn der Bass mal zur Seite gelegt wird, spielt Jesse F. Keeler einen Synthesizer über sein Orange Fullstack, der ähnlich wie sein Basssound klingt. Das Publikum hat Bock. Die Zeit vergeht so schnell, dass die nächste Truppe schon At The Drive-In heißt.

AT THE DRIVE-IN

Cedric Bixler-Zavala kann nicht jedes Jahr Frontmann des Jahres werden, obwohl er diesen Titel wohl verdient hätte. Bixler steht seitlich vor dem Drumset mit Rascheln in der Hand, das Publikum weiß schon genau, was jetzt kommt. Die Show kann mit „Arcarsenal“ beginnen. Die ATDI-Fans sind außer sich. Schon im ersten Song zerlegen ATDI die komplette Bühne. Nicht wie im Jahr zuvor – also ohne die halbe Backline im ersten Song zu zerstören, trotzdem fliegt das Mikrofon von Cedric alle 30 Sekunden auf den Boden. Die Crew grinst einfach nur noch, anstatt sich über ein weiteres kaputtes Mikro aufzuregen – dieser Cedric ist aber auch ein bisschen süß, wenn er das absichtlich macht.

Der Sound ist großartig, das Licht passt zum Set und die Band hat Hummeln im Hintern. Das musikalische Genie hinter ATDI ist der Gitarrist Omar Rodriguez, heute wirkt er ein wenig ausgepowert oder einfach nur hoch konzentriert. Ein Duft von frischem Schweiß liegt in der Luft und die Meute vor der Bühne pogen, Stage-diven und tanzen als gäbe es keinen weiteren Grund mehr, morgen dem Chef in die Augen zusehen. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich einiges getan, die Band hat wieder Bock und ist richtig eingespielt. Sie sind tight und der Sound rummst, trotzdem ist der Saal erschreckend leer. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals den oberen Bereich der Columbiahalle geschlossen gesehen zu haben, den heute Abend ist dieser mit schwarzen
Molton abgehangen.

Man kann nur munkeln, welcher Grund sich dahinter verbirgt, aber was sollen die Jungs schon falsch gemacht haben? Die Location ist perfekt – heute vielleicht ein wenig zu groß, der Tonmann macht den Job seines Lebens, die Supports sind kaum zu toppen und ATDI selbst, spielen einfach mehr als genial. Trotz der negativen Bilanz zerschmettern ATDI die Halle und ihre Fans sind mehr als
glücklich. Die Zugabe ist gleichzeitig ein Dankeschön an die Fans. „One Armed Scissor.